Big Brother
In den Massenmedien folgt eine Meldung nach der anderen über erweiterte Überwachungsmaßnahmen der Regierungen aus aller Welt. Gleichzeitig sickern Jahre lang vertuschte Korruptionsfälle durch alternative Medien. Die Aufdecker_innen werden häufig mit erbittertsten Aufwand verfolgt und die ertappten Machtmisbraucher_innen bleiben in der Regel unbehelligt.
Die Regierungen wollen immer mehr überwachen und betreiben zugleich ein immer rigideres Versteckspiel. Transparenz ist ein Fremdwort. Wenn es um staatliche Amtshandlungen oder Firmengeheimnisse geht, gilt Verschwiegenheit als Tugend, aber wenn es um zivilgesellschaftliches Engagement geht, ist ein Agieren im Verborgenen Grund genug ebenso massive wie zwielichtige Ermittlungen wegen dem vermeintlich hinreichend begründeten Verdacht auf kriminelle Machenschaften einzuleiten.
Datenschutz als Antwort?
Die Datenschutzbewegung versucht auf die Möglichkeiten des eigenständigens Schutzes der Privatsphäre hinzuweisen und Menschen zu ermuntern Datensicherheit ernst zu nehmen. So sollen wir uns dem technisch laufend ausgebauten Überwachungsnetz zumindest teilweise entziehen können.
In Zeiten von sozialen Netzwerken und immer vielfältiger nutzbar verknüpften Datenbanken erscheint der Wunsch uns nicht Richtung totale Überwachung zu entwickeln zunehmend als bloße Wehmut nach Gewohnheiten aus vergangenen Tagen und nicht mehr wie eine noch realistische Option.
Preis der Privatspäre
Das Vernetzen von Daten nützt schließlich nicht nur der Überwachung und organisierten Kriminalität, sondern auch Bürgerbewegungen und dem Komfort auf der Informationssuche im Internet.
Ein Versteckspiel kann zwar mitunter lustig sein, aber wenn es dazu führt, dass an sich durchaus wertvolle Informationen nicht allgemein zugänglich gemacht werden können weil sie versteckt werden müssen um zum Beispiel Autoren vor Verfolgung zu schützen, läuft in unserer Gesellschaft etwas ziemlich schief.
Big Brothers bigger Brother
Ein ganz anderer Weg als mit Verschlüsselungs- und Überwachungsmethoden ein nutzloses Wettrüsten zu betreiben könnte das Bekenntnis zur totalen Transparenz sein. Dies würde nicht nur viele irrige Überzeugungen auflösen, sondern könnte durchaus auch einen therapeutischen Effekt haben.
Wesentliche Voraussetzung dafür ist allerdings, dass niemandem mehr ein Recht auf Versteckspiele zugestanden wird. Weder Regierungen, noch Wissenschafter, noch Firmen hätten dann einen Anspruch auf den Schutz ihrer Privatsphäre, Staats- und Firmengeheimnisse.
Alles müsste offen ausgetragen werden und niemandem wäre es erlaubt undokumentiert geheime Aktivitäten oder Vereinbarungen zu treffen.
Das klingt bedrohlich und ungewohnt. Und auch hier gäbe es das Potential der manipulation weil wir uns - nach unseren aktuellen Erfahrungen in der Realität - durchaus vorstellen können, dass sehr wohlhabende Persönlichkeiten sich auch wirklich gute Dokumentationsfälschungen leisten könnten. Andererseits könnte es durchaus schwierig werden in einer völlständig zur Transparenz verpflichteten Gesellschaft eine verborgene Insel zu etablieren. An den Grenzen würden immer Fragezeichen entstehen...
Machtausgleich durch Offenheit
Ich denke in der Tat, dass der beste Schutz vor Überwachung und entsprechenden Machtmissbrauch, selbständige Überwachung und die Abschaffung des Rechts auf Geheimnisse sein könnte.
Dies illustrieren auch die Fälle in denen die Staatsgewalt offensichtlich völlig aus dem Konzept gerät, wenn krumme Machenschaften ihrer Organe dann unerwarteter Weise dann doch einmal irgendwo dokumentiert werden. Wenn wir alle zu laufenden Livestream-Videokameras werden, dürfte es auch für die derzeitigen Machteliten nur mehr schwer möglich sein größere Komplotte zu schmieden oder Menschenrechte zu brechen.
Privatsphäre als Problem
Ich bin mir also nicht sicher ob die Privatsphäre wirklich eine so gute Idee als Menschenrecht ist. Immerhin ist das einseitige Recht auf Verborgenheit das, was Machtmissbrauch erst möglich macht. Und es gründet in der Überzeugung, dass es richtig wäre Geheimnisse zu haben und zu schützen.
Viel besser können wir uns allerdings zweifellos in einer Welt koordinieren, in der wir ohne doppelte Böden direkt mit der Realität konfrontiert sind - selbst wenn das mitunter unbequemer als schönfärbende Lügen ist.
So lange Überwachung nur einseitig effizient möglich ist, gibt es eine Machtkonzentration bei den zum Agieren im Verborgenen Ermächtigten. Erst das ermöglicht einen Machtmissbrauch. Da wir als Gesellschaft sehr wahrscheinlich nicht mehr auf den Luxus verzichten wollen auf möglichst gut strukturierte, vernetzte Datenbanken zugreifen zu können, bleibt uns im Grunde nur die Flucht nach Vorne:
Wir brauchen gleichberechtigte Überwachung, an Stelle des aktuellen staatlichen Überwachungsmonopols!
Donnerstag, 12. August 2010
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